Unser Selbstverständnis
Titelbild Thesen 2015

autofrei leben! betreibt keine Parteipolitik. Unsere Mitglieder kommen aus ganz unterschiedlichen politischen Bereichen, von ganz links über liberal bis ins christlich-konservative Lager. Was uns gemeinsam ist, ist der Wille zur Autofreiheit bzw. zur deutlichen Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs.


 

 

autofreleben! - Menschen geraten in Bewegung

Thesen zum Selbstverständnis von autofrei lebene.V.

Beschluss auf der Mitgliederversammlung am 14. März 2015 in Erfurt
(Überarbeitung der Thesen aus dem Jahr 2001)

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Wer wir sind und wofür wir eintreten

autofrelebenversteht sich als Lobby autofreier Menschen und setzt sich für eine starke Verringerung des motorisierten Individualverkehrs ein.

Wir betreiben keine Parteipolitik. Unsere Mitglieder kommen aus ganz unterschiedlichen politischen Bereichen, von links über liberal bis ins christlich-konservative Lager. Was uns gemeinsam ist, ist der Wille zur Autofreiheit bzw. zur deutlichen Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs.

Leider gibt es keine Partei, die in der Verkehrs- und Umweltpolitik unsere Ansichten vertritt. Obwohl es viele ideologische Partei­grundsätze gibt, die wir teilen:

  • Eine liberale Verkehrspolitik würde die gleichberechtigte Freiheit aller Verkehrsteilnehmer schützen, und nicht nur die der Autofahrer. Die Radweg- und Gehwegbenutzungspflicht ist ein unverhältnismäßiger Eingriff des Staates in diese Freiheit!
  • Eine sozial gerechte Verkehrspolitik würde die Schwachen unterstützen und für eine gleichberechtigte Mobilität aller sorgen. Das Autofahren billig zu machen erhöht lediglich die Verkehrsbelastung in günstigen Wohnvierteln an den Hauptstraßen und fördert die Zweitwagen der Besserverdienenden.
  • Eine wirklich umweltorientierte Verkehrspolitik versucht, Autofahrer zum Umsteigen zu bewegen. Denn nur Zufußgehen und Radfahren sind umweltfreundlich, Busse und Bahnen ökologisch vertretbar. Es genügt nicht, bei Autos den Antrieb auszutauschen. Agrosprit und Elektroautos sind keine nachhaltigen Lösungen.
  • Eine christliche Verkehrspolitik müsste das Ziel verfolgen: Du sollst nicht töten! Der Schutz des Lebens und der Schöpfung hat oberste Priorität. Autos gefährden Menschenleben und sollten weitestgehend von den Straßen verbannt werden.

 

Millionen leben ohne Auto

Es ruft immer wieder Erstaunen hervor, auch bei Autofreien selbst, dass fast ein Viertel aller Haushalte in Deutschland ohne Auto lebt. In Städten über 500.000 Einwohnern sind es sogar über 40 Prozent. Millionen Menschen in Deutschland beweisen jeden Tag, dass es auch ohne Auto geht und man ohne Auto sogar besser leben kann. Denn für sie ist, anders als in der Werbung suggeriert, das Auto kein Statussymbol oder gar unverzichtbar für die alltägliche Mobilität. Im Gegenteil: Es wird als Belastung empfunden.

Diese Menschen, die in der öffentlichen Diskussion noch zu wenig wahrgenommen werden, leisten nicht nur einen wichtigen Beitrag zum Schutz von Mensch und Natur. Autofreie Menschen sind auch eine stille Herausforderung an eine Gesellschaft, die die Folgen ihrer Automobilität systematisch verdrängt.

 

Neue Entwicklungen

Der Radverkehrsanteil steigt stetig und durch Pedelecs, E-Bikes und Lastenräder sowie Fahrradverleihsysteme erweitern sich die Möglichkeiten. Die vielfältigen Alternativen zum privaten Auto werden zunehmend genutzt, sodass biografische Umbrüche – wie Umzug, Arbeit oder Kinder - nicht mehr zwangsläufig zur Anschaffung eines Autos führen.

Smartphones erleichtern den autofreien Alltag bei der Nutzung von Bussen und Bahnen, sowie das Ausleihen eines Fahrrads. Außerdem erfährt Zufußgehen als natürlichste Art der Fortbewegung endlich wieder mehr Beachtung; z.B. durch die Anlage grüner Hauptwege für Fußgängerinnen und Fußgänger und die Herausgabe von Fußgängerstadtplänen.

 

Wir wollen besser leben

Zu autofrei leben! kommen ganz unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Motiven.

Die einen ziehen aus dem Gefühl der Verantwortung für Mensch und Natur persönliche Konsequenzen. Andere verzichten als Genussmenschen liebend gern auf die Unannehmlichkeiten der Autonutzung. Wieder andere fühlen sich vom Autoverkehr regelrecht bedrängt und in ihrer Freiheit eingeschränkt. Für andere übersteigen die Kosten eines Autos und die Folgen des Autobesitzes bei weitem seinen Nutzen. Ebenfalls lehnen prinzipiell konsumkritische Menschen das Auto für sich ab. Andere sind irgendwann einmal ausgestiegen, für einige Menschen war das Leben ohne Auto einfach schon immer die phantasievollere, gesündere, interessantere Art zu leben.

Gemeinsam ist uns, dass wir den vorherrschenden Begriff von "Mobilität" nicht teilen, sondern andere Vorstellungen von Lebensqualität entwickelt haben. Dazu gehören der Spaß an der Eigen-Bewegung, die Freude an einem Leben in größerer Übereinstimmung mit Mensch und Natur und manchmal die Lust an der Langsamkeit.

 

Für eine Welt, in der Menschen anders (miteinander) verkehren

Wir wollen in Städten und Dörfern leben, die für Menschen und nicht für Autos gemacht sind; in denen Straßen wieder zum Lebensraum und zur Stätte der Begegnung werden. Dort werden alternative und umweltverträgliche Verkehrsmittel benutzt. Die Wege sind kurz, regionale Wirtschaftskreisläufe werden gestärkt, Erholung und Entspannung sind auch in der Nähe möglich.

Durch das autofreie Leben beginnen wir mit der Umsetzung eines Traums:

Einer Welt, in der die Menschen nicht mehr rasen - nicht aufeinander drauf, nicht aneinander vorbei und nicht voreinander weg.

Einer Welt, in der die Menschen Zeit haben - füreinander, für sich selbst, sowie für die bewusste Wahrnehmung ihrer Mitmenschen und Umwelt.

Einer Welt, in der sich die Menschen nicht mehr wie in einem Hamsterrad gehetzt fühlen und nach menschlichem Maß gewirtschaftet wird.

Ein erster Schritt sind autofreie Stadtviertel, in denen Autos keinen Zugang haben und Straßen wieder für alle da sind. Es entstehen neue Nachbarschaften und Freiräume für Kinder, die man bisher aus Angst auf Spielplätzen eingesperrt hat. Geld, das bisher in die Autoinfrastruktur floss, wird endlich für Menschen verwendet.

 

Begleitet von viel Sympathie

autofreleben! provoziert einerseits ungläubige, kopfschüttelnde und manchmal auch stark ablehnende Reaktionen einer autofixierten Gesellschaft. Andererseits erfahren wir mit unserer Art zu leben und mit unserem bewussten Nicht-Verstecken eine beachtliche gesellschaftliche Resonanz. Denn wir rühren an eine weitverbreitete unbewusste Unzufriedenheit sehr vieler Menschen mit der vorherrschenden Lebensweise.

Viele spüren, dass die von der Gesellschaft als "normal" empfundene Lebensweise meilenweit von den eigentlichen Bedürfnissen vieler Menschen entfernt ist. Entsprechend sympathisieren viele Menschen mit einem bewussteren Leben ohne Auto. Einige warten nur darauf, sich mit gleichgesinnten Menschen auszutauschen. Leider wissen sie und wir noch nichts voneinander.

Andere leben ebenfalls bewusst autofrei, kamen aber seither noch gar nicht auf die Idee, dies als "etwas Besonderes" herauszustellen, weil sie ihre Art zu leben als "unsensationell" und "unpolitisch" betrachten. Viele dieser Menschen begründen ihre Autofreiheit auch mit ihrer Sorge um die Umwelt und mit ihrer persönlichen Glaubwürdigkeit. Erfahren sie von autofrei leben!,so sind uns großes Interesse und Sympathie sicher.

 

Anders leben, anders einmischen

Wir mischen uns auf andere, neue Art in Gesellschaft und Politik ein. Wir wehren uns nicht nur, wir leben auch im Alltag vor, dass es anders geht – indem wir an einem zentralen und sensiblen Punkt dieser Gesellschaft einfach "nicht mehr mitmachen". Wir setzen damit ein Zeichen, das über den einfachen Autoverzicht hinausgeht. "Inaktive" gibt es bei uns keine, denn Mitglied werden kann nur, wer ohne Auto lebt, somit bereits aktiv ist.

Wir wissen jedoch, dass unser persönlicher Ausstieg alleine nicht ausreicht, um die Gesellschaft dauerhaft und wirksam zu verändern. Deswegen gehören für uns der Ausstieg aus dem Automobil und die Entwicklung von Widerstand gegen den Auto-Wahn zusammen.

Wir autofreien Menschen warten nicht ab, bis sich irgendwann etwas zum Positiven ändert. Deshalb gehen wir durch unseren verbindlichen Verzicht auf das Auto einen Schritt weiter und treten für Veränderungen ein. Aufgabe von Politik ist es, sich diesen Forderungen zu stellen und für bessere Bedingungen zu sorgen, sodass der umweltfreundliche Verkehr attraktiver und die Übervorteilung des Autos im Verkehrsgefüge auf Kosten aller anderen beendet wird.

Ihre Autofreiheit sollen möglichst viele Menschen öffentlich vertreten und auch ermutigt werden, weiterhin autofrei zu leben. Mit praktischen Beispielen wollen wir zu phantasievollen und gewaltfreien Aktionen anregen, auch zu solchen des zivilen Ungehorsams wie dem PARK(ing)DAY oder der Radtour Critical Mass.

Mit der gezielten Ansprache von Menschen, die am Auto zweifeln und oft auch verzweifeln, erhöhen wir die Zahl derer, die den Ausstieg anstreben. Hier beraten wir und betreiben "Suchtberatung".

Denn für viele Menschen ist das Auto mehr als ein Transportmittel. Sie müssen zunächst mit Alternativen zum (eigenen) Auto vertraut werden und häufig auch eine irrationale Abhängigkeit vom Auto überwinden.

 

Seit über 15 Jahren aktiv

autofrelebenist ein wichtiger Ansprechpartner und Multiplikator. Im Vordergrund stehen dabei die Verbreitung der autofreien Idee, die Bestärkung und Unterstützung autofreier Menschen, sowie die Beratung derer, die an ihrer Automobilität (ver-)zweifeln.

Regelmäßig informieren wir auf Infoständen, auf Messen und Festivals über das autofreie Leben. Darüber hinaus halten wir Vorträge und bieten Workshops an. An einigen Orten konnten wir auch unsere Ausstellung zum autofreien Leben zeigen. Bei Presseanfragen stehen wir kompetent Rede und Antwort. Auch können wir autofreie Menschen als lokale Ansprechpartner vermitteln.

Unsere Aussteigerbroschüre mit wertvollen Tipps zum Leben ohne Auto wird gerne mitgenommen. Mit einer Konferenz in Köln 2007 haben wir begonnen, die Vernetzung autofreier Stadtviertel im deutschsprachigen Raum zu verbessern. Durch Arbeitsgemeinschaften zu "Eco-Cities" in Großbritannien und "autofreiem Wohnen im Bestand" wurde das Thema "Autofrei Wohnen" während mehrerer Kongresse vertieft.

autofrelebenhat dazu beigetragen, den PARK(ing)DAY in Deutschland bekannt zu machen. Am dritten Freitag im September werden weltweit Autoparkplätze künstlerisch in PARKs für Menschen umgewandelt. Dieser kreative Protest zeigt die Potenziale einer menschenorientierten Stadtentwicklung auf.

Neben unserer Website und dem Auftritt in den sozialen Medien wie Facebook und Twitter betreiben wir für Austausch und Diskussion über die Autofreiheit auch klassische Mailinglisten.

autofrelebenist Teil des internationalen Netzwerks von Initiativen, die sich für eine autofreie Welt einsetzen. Im "World Carfree Network" (WCN) haben sich autofreie Organisationen und Aktive aus der ganzen Welt zusammengeschlossen, die autofreie Lebensstile unterstützen und die Abkehr von der autogerechten Planung von Städten und Kommunen einfordern.

 

Die Vorherrschaft des Autos brechen

autofrelebenhält das Wirken von Umweltverbänden für notwendig und steht nicht in Konkurrenz zu ihnen. Ergänzend greift autofrelebenhörbar und fundiert in den gesellschaftlichen Diskurs über den Automobilismus ein. Damit wollen wir  die vorherrschende Auto-Ideologie in Frage stellen - mit dem Ziel, ihre Meinungsführerschaft zu brechen.

Entlang folgender Fragen gestaltet sich die Tätigkeit von autofrei leben!- vor Ort und überregional:

  • Was hilft, die Vereinzelung autofreier Menschen zu überwinden und ihr Selbstbewusstsein zu stärken?
  • Wie gelangen autofreie Menschen und autofreie Themen in die Offensive?
  • Wie gelingt es, ein gesellschaftliches Klima zur Ächtung des Automobils zu schaffen?
  • Wie können autofreie Menschen in ihrem positiven Verhalten politisch und gesellschaftlich bestärkt und praktisch unterstützt werden?

 

 

Zitate

"Radfahrer werden vom Autostrom bedrängt. Autos nehmen ihnen die Vorfahrt, schneiden sie beim Rechtsabbiegen und lassen sie über unbedacht geöffnete Autotüren stürzen.[...]Wohlstand verdrängt die Zweiräder aus dem Straßenbild, aber doch nicht so schnell, wie es im Interesse der Verkehrssicherheit auf den Straßen wünschenswert wäre.[...]Fahrräder [...] gehören nicht in den Großstadtverkehr,[...]"

--------- Artikel in der ZEIT von 1969!